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Vielleicht wäre ich ein glücklicher Fotograf geworden


Jose Carreras singt nächste Woche in der spektakulären Berliner Inszenierung eines Opern-Klassikers - mit dem Startenor sprach Silke Lambeck

Auf den ersten Blick ist er eher schüchtern, mehr Familienvater als Herzensbrecher: Jose Carreras, einer der drei berühmtesten Tenöre der Welt. Am 17. und 20. Juni wird er Don Jose sein - in einer spektakulären Inszenierung des Opern-Klassikers "Carmen" von Georges Bizet. Mit 20 Tonnen Dekoration verwandeln die Produzenten Hoffmann und Goldsmith Berlins Deutschlandhalle in eine Stierkampfarena.

Herr Carreras, sind Sänger sensibler als andere Leute?

Nein, nicht unbedingt. Ein Künstler muß nicht sensibler sein als ein Anwalt. Aber ein Beruf, der einen mehr mit abstrakten als mit konkreten, rationalen Dingen in Kontakt bringt, erfordert vielleicht manchmal eine gewisse Übersensibilität.

Stimme und Seele hängen ohnehin eng zusammen. Erleben Sie Momente, in denen Sie sich nicht ausgeglichen genug fühlen, um auf die Bühne zu gehen? Das Gefühl, Ihre Stimme könnte nicht tragen?

Ja natürlich, so was kommt vor. Das ist eines der Probleme für Opernsänger: Wir tragen das Instrument in uns. Wir können unser Instrument nicht in einen Kasten tun und vergessen. Die körperlichen Bedingungen sind natürlich sehr wichtig. Man wird von allem beeinflußt: dem Wetter, dem Essen, der Hitze. Aber auch der Gefühlszustand ist sehr wichtig. Das muß man vergessen. Man muß unter allen Umständen versuchen, so ausgeglichen wie möglich zu sein.

Mußten Sie schon jemals einen Auftritt absagen?

Doch, das passiert uns allen irgendwann. Ein schrecklicher Anruf, 38 Grad Fieber - unter diesen Umständen kann man nicht singen. Aber normalerweise müssen wir eben professionell sein und persönliche Probleme vergessen. Und das kann der Aufführung sogar guttun. Man muß sich dann sehr stark konzentrieren.

Wie leben Sie, wie pflegen Sie Ihre Stimme?

Eine Stimme ist etwas sehr Zerbrechliches. Die Stimme ist weiblich, "la voce". Darum muß man sie mit viel Zärtlichkeit und Fürsorge behandeln, sanft und liebevoll mit ihr umgehen. Sonst kann sie falsch reagieren, zu emotional oder zu temperamentvoll.

Und außerdem muß man genau das Leben führen, von dem man weiß, daß es einem guttut. Man braucht viel Stärke und Selbstdisziplin. Man muß wissen, was richtig oder falsch für einen ist. Das gilt übrigens für alle Berufe. Wenn man gut sein will, muß man wissen, welchen Regeln man folgen muß. In unserem Fall haben wir außer der künstlerischen und intellektuellen Anstrengung eben auch eine körperliche Anstrengung zu bewältigen. Und ohne traumatisch zu werden, müssen wir alles tun, um das zu schaffen. Ich spiele Tennis und schwimme viel, aber um ehrlich zu sein, tue ich immer noch zuwenig, weil ich zuwenig Zeit habe.

Sie arbeiten oft auf großen Veranstaltungen, Konzerten oder Opern. Entsteht in den riesigen Hallen oder Stadien nicht manchmal das Gefühl, den Kontakt zum Publikum zu verlieren?

Nein, überhaupt nicht. Ich kann die Frage gut nachvollziehen. Aber was ich immer versuche - auch wenn ich nicht weiß, ob es mir immer gelingt - ist, mit den anderen zu kommunizieren. Mich auszudrücken, die Gefühle, die ich fühle, den anderen mitzuteilen. Man kann das mit künstlicher Verstärkung machen oder, wie in einer Oper, mit natürlicher Akustik. Ich glaube mehr als der Ton, mehr als die Stimme trägt das Gefühl. Damit interessiert man das Publikum für das, was man tut.

Müssen Sie bei einer Groß-Veranstaltung wie "Carmen" anders arbeiten als auf kleineren Bühnen?

Beim Singen auf keinen Fall. Das wäre eine falsche Entscheidung. Wir müssen so singen wie in einem normalen Opernhaus. Die Techniker, die Toningenieure müssen sich an unsere Art zu singen anpassen, nicht umgekehrt. Heute gibt es hervorragende Tonsysteme, das ist kein großes Problem.

Beim Schauspielen ist es etwas anders. Man muß ja sich selbst und den Blick, den man auf die Figur hat, an jede Produktion neu anpassen. Beim Spielen darf man nicht vergessen, daß man nicht auf einer kleinen Bühne steht, sondern ein viel größeres Publikum hat. Also ändert sich die gesamte Dimension. Die Gesten müssen größer sein, bedeutender. Aber nicht bis zu einem Punkt, wo es störend wirken könnte.

Hatten Sie jemals Schauspielunterricht?

Nein, habe ich nie gehabt. Ich habe von den wunderbaren Regisseuren gelernt, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Und von Kollegen, die mir gerade am Anfang sehr geholfen haben. Meine Schule war die Bühne. Schließlich habe ich erst mit 22 Jahren angefangen.

Was verbinden Sie mit Berlin?

Berlin hat eine überwältigende musikalische Tradition. Sie haben das wunderbarste Orchester der Welt hier. Besonders seit 1989 gibt es diese Vielfalt wunderschöner Opern- und Konzerthäuser. Und das Berliner Publikum ist sicher sehr sachkundig. Sie wissen, was sie hören und sehen.

Mein Kontakt zu Berlin hat bereits in den frühen 70er Jahren begonnen, mit der Deutschen Oper. Dann habe ich mit Herbert von Karajan und den Philharmonikern gearbeitet und auch etliche Platten aufgenommen. Und dann natürlich das große Open-air-Konzert auf dem Gendarmenmarkt vor zwei Jahren. Ich kann nur sagen, daß ich sehr glücklich bin, wieder hier zu arbeiten, besonders mit einer Oper wie "Carmen".

Wie man weiß, schätzen Sie die Staatsoper ganz besonders. Hat es da mittlerweile Kontakte gegeben?

Ich bin für jede Einladung offen. Wenn sie mich ansprechen, werde ich das mit Vergnügen prüfen.

Herr Quander wird sich freuen, das zu hören. Sie haben nach der Schule erst einmal angefangen, Chemie zu studieren und sich erst später für eine musikalische Laufbahn entschieden. Hätte irgendein anderer Beruf Sie glücklich machen können?

Wahrscheinlich. Vielleicht wäre ich ein glücklicher Fotograf geworden. Irgend etwas, das kreativ ist. Etwas, das ich immer versucht habe zu vermeiden, ist Routine. In jeder Beziehung, beruflich und privat. Ich hätte also irgend etwas tun müssen, wo man etwas von sich selber hineinpacken muß. Aber ich bin schon sehr froh, daß es so gekommen ist.

Vererbt sich eine solche Begabung? Sind ihre Kinder talentiert?

Sie mögen Musik sehr. Beide studieren Musik. Mein Sohn spielt Flöte, meine Tochter Klavier. Aber sie zeigen kein außergewöhnliches Talent. Ich glaube, daß keiner von beiden professioneller Musiker werden wird. Und ich bin darüber glücklich. Aus vielen Gründen. Zum einen ist das eine sehr harte und schwer umkämpfte Welt, wenn man kein absolut herausragendes Talent ist. Die andere Sache ist, daß es Kinder von berühmten Eltern in jedem Beruf schwerhaben, fast noch schwerer als die anderen.

Könnten Sie sich vorstellen, in anderen musikalischen Genres als der Oper zu arbeiten?

Nicht auf der Bühne. Ich habe Musical gesungen wie "West Side Story" oder "South Pacific". Aber nur für Plattenaufnahmen. Pop würde mich wohl nicht interessieren - bei allem Respekt, den ich für Popmusiker habe.

Gibt es Dinge im Umfeld Ihres Berufs, die Sie nicht ausstehen können?

Das Schlimmste ist es, das ganze Jahr lang aus dem Koffer zu leben. Ein Nomadenleben zu leben, ein Zigeunerleben - wiederum bei allem Respekt für die Zigeuner. Immer in Hotels und Flugzeugen zu sein, von der Familie entfernt zu leben und von allem, was man gerne um sich hätte - Bücher, Platten.

Bemühen Sie sich heute um ein anderes Leben als vor Ihrer schweren Krankheit?

Ich mache weniger als vorher. Wahrscheinlich genieße ich bestimmte Dinge im Leben viel intensiver. Vorher waren sie einfach da, aber ich habe ihnen nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet.

Aber man ist eben in einem Kreislauf, in einer Maschinerie. Man ist drinnen oder draußen. Man kann nicht sagen: Ich singe ein Konzert im Monat, und den Rest der Zeit tue ich nichts. Natürlich versucht man, vernünftig zu planen und die Dinge so zu legen, daß einem genug Zeit zum Erholen bleibt. Aber es ist ein Full-Time-Job, der viel Stärke und Enthusiasmus verlangt.

Bedeutet es einen Unterschied, ob Sie mit einem Star wie Agnes Baltsa arbeiten oder mit jemandem anderen?

Je talentierter und je professioneller die Leute sind, mit denen man arbeitet, desto besser ist es. Man bekommt mehr Anregungen vom Partner. Es fordert einen mehr heraus.

Von welcher Rolle träumen Sie heute?

Die meisten Rollen, die ich zu Beginn meiner Karriere singen wollte, habe ich gesungen. Darüber bin ich sehr glücklich. Aber mich interessieren natürlich immer wieder neue Dinge. Darum versuche ich immer wieder, neue Rollen zu singen.

Bedauern Sie, nie Mozart gesungen zu haben, den Sie so sehr bewundern?

Ja, unbedingt. Aber ich hatte immer zuviel Respekt vor Mozart. Ich hatte Angst, stilistisch nicht gut genug für Mozart zu sein. Heute würde ich unter den richtigen Umständen, mit dem richtigen Dirigenten, dem richtigen Orchester und genug Zeit zum Proben auch Mozart singen. Aber ich würde sehr genau darüber nachdenken. Und mich dann vielleicht dafür entscheiden.

 

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Source: G+J BerlinOnline GmbH
Date Published: June 11, 1994
URL: http://www.BerlinOnline.de/wissen/berliner_zeitung/
archiv/1994/0611/reporter/0004/index.html