Deutschlandhalle: "Carmen"-Proben mit Jose Carreras haben begonnen
Wie heißt es so schön bei Verdi: Frauen sind wankelmütig. Das gilt seit
gestern auch für die weiblichen Vertreter unter den Pferden. Zwei Tage
vor der Premiere der Oper "Carmen" in der Deutschlandhalle erwiesen sich
die beiden Schimmelstuten im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, die
lässig über den Belag trabten, als widerspenstige Wesen. Wie Ginger
Rogers steppten sie über die drehbare Holzbühne und protestierten so
gegen das ungewohnte, von künstlichem Licht überflutete Areal. Ansonsten
läuft alles nach Plan. Die Lichtkonstruktion an der Hallendecke bietet
einen imposanten Anblick, Aufgänge und Bühne sind mit Bändern
geschmückt. Die ersten Proben mit dem Korrepetitor begannen am
Nachmittag, die Technik steht: Alles scheint bereit.
Szenenwechsel. Riesenauftrieb gegen 15 Uhr im Foyer des Hotel Kempinski.
Warten auf den Star der Produktion - Jose Carreras. Fast unbemerkt kurvt
er im beigen Sommeranzug um die Ecke und stellt sich bereitwillig den
Fragen der Journalisten. Seit seinem Debüt in Berlin vor zwanzig Jahren
liebe er diese geschichtenreiche Stadt, erzählt der Literatur- und
Sportfan Carreras. Und auf die Aufführung in der Deutschlandhalle freut
er sich, weil sie einem breiteren Publikum einen leichten Zugang zur
Oper ermögliche. "Oper in dieser Form wird immer populärer", sagt der
spanische Tenor. Und schon verschwindet er, von kräftigen Männern
abgeschirmt, im silbergrauen Mercedes und winkt ein letztes Mal.
Copyright © 1994 Berliner Zeitung