"Carmen" in der Deutschlandhalle: Ein großes buntes Fest fürs Auge
Wie wunderschön sie aussieht in ihrem blütenweißen Hochzeitskleid. Aus
der Arena dringt das Jubelgeschrei, kündend vom Sieg des Heroen
Escamillo, und dorthin zieht es Carmen, das schöne Biest. Doch am Tor
steht Don Jose, der eifersüchtige Ex-Liebhaber, ein blinkendes Messer in
der Hand. Gefährliche Liebschaften.
Dreieinhalb Stunden steuert das Geschehen auf dieses tragisches Ende
hin. Eine Zeit, in der sich Denyce Graves, die kurzfristig die
Titelrolle übernommen hat, in die Herzen der Zuschauer singt. Agnes
Baltsa haben die meisten schnell vergessen.
George Bizets Oper "Carmen" in der Deutschlandhalle changiert zwischen
inszenatorischer Feinsinnigkeit, choreographischem Ideenreichtum und
boulevardesker Massenshow. Eine kurzweilige Mischung, die dem populären
Stoff und der Musik durchaus bekommt.
Regisseur John Cruickshank hat sein Konzept dem Ort des Geschehens
angepaßt und den Schwerpunkt auf visuelles Erleben gelegt. In sorgfältig
disponierten Abständen verwandelt sich die riesige Drehbühne in ein
Volksfestfeld. Es wimmelt von Menschen, die in bunten Kostümen
herumrennen. Das ist gut fürs Auge, und es lenkt von so mancher
Ungenauigkeit ab. Schön ist es, wenn keifende Weiber messerwetzend
aufeinander losstürmen und am liebsten auch gleich die Soldaten
verprügeln würden. Und welch hübsches Szenario, als der hünenhafte
Escamillo (Gregg Baker) mit einer Kutsche in die Arena gefahren wird. So
etwas kommt beim Publikum gut an. All dies kann jedoch nicht über
Schwächen der Inszenierung hinwegtäuschen, die vor allem dann auftreten,
wenn die Bühne fast leer ist, wenn duettiert wird. Da entsteht
Langeweile. Jose Carreras begeistert zwar mit sonorem, strahlendem
Timbre, ein guter Schauspieler ist er aber nicht. Steif, mit bisweilen
hilfloser Gebärde, schlendert er umher. Den schmachtenden Verliebten
will man ihm so recht nicht abnehmen. Ganz anders Denyce Graves. Sie
sprüht vor Spiellaune, wirbelt tänzerisch über die Bühne und singt mit
stimmgewaltiger Inbrunst. Hervorragend auch die Micaela von Ilona
Tokody. Ihre Arie im dritten Akt ist wundervoll einfühlsam und gestisch
voller Ausstrahlung - ein Höhepunkt.
Das ausgeklügelte Soundsystem schafft hier eine Transparenz, die nicht
immer erreicht wird. Denn während die Personen sich bewegen, kommt die
Stimme stets aus der gleichen Richtung. Das führt zu Irritation,
Verfremdung. Eingeständnisse müssen auch an die Qualität der Musik
gemacht werden. Simon Joly dirigiert die Janacek-Philharmonie Ostrava
mit überlegter Routine, kann aber nicht verhindern, daß die Abstimmung
zwischen Orchester, Chor und Solisten zuweilen unausgewogen ist. Zu groß
sind die Entfernungen in der riesigen Halle.
Dem Erfolg des Spektakels tut dies keinen Abbruch. Glänzende Solisten
und ein schlüssiges Aufführungs-Konzept sorgen für nette Unterhaltung.
Das Premierenpublikum dankt es mit tosendem Applaus und hat erkannt, wer
der überragende Star des Abends gewesen ist: die bezaubernde Carmen.
Ach, wie wunderschön sie aussieht, in ihrem Weiß Jürgen Otten
Copyright © 1994 Berliner Zeitung