Die drei Tenöre im Jahr 2000
Es ist alles sehr kompliziert. Vor allem für sogenannte gespaltene Menschen, die gern
Weihnachtslieder hören, sich der großen Zeiten dreier bedeutender Interpreten erinnern - und
die aus Berufsgründen "Christmas in Vienna" im Konzerthaus erleben und anschließend
"Christmas in Vienna" vor dem Bildschirm gleich noch einmal verfolgen können.
Alles sehr kompliziert. Denn da ist zuerst und scheußlich wie noch nie zuvor eine Dekoration,
die aus dem Konzerthaussaal eine Grottenbahn macht, in der die Zuckerlfarben nie untergehen,
sondern nur von Lied zu Lied wechseln. Undenkbar, dass irgendwann auf der Welt Menschen irgendeines Kulturkreises mit
dieser Anhäufung an schlimmstem Geschmack den Begriff Weihnachten in Zusammenhang bringen.
Und gleich darauf sind da die sogenannten Arrangements von volksliedhaft einfachen und höchst anspruchsvollen
Kompositionen, also von "O Tannenbaum" und einem Lied von Richard Strauss. Sie alle werden den Wiener Symphonikern
aufgezwungen und diese exekutieren mit eiserner Miene einen Orchesterkitsch, den sich keine Eisrevue der sechziger Jahre
hätte leisten dürfen.
Und weiters gibt es da, um endlich zur Sache zu kommen, drei einstmals sehr verschiedene, aber unvergleichlich gute und
geschätzte Herren, die im Tenorfach daheim waren und jetzt nicht mehr sind. Hier und da blitzen, wenn man ihnen zuhört,
Erinnerungen an ihre großen Zeiten auf, betört das Timbre des großen Italieners, berührt die Innigkeit des seine Krankheit
überwindenden Spaniers, muss man die Musikalität des Weltbürgers bewundern, den man schlechten Gewissens als
Promotor von "Christmas in Vienna" charakterisieren muss.
Dieser drei einstigen Tenöre wegen findet das Ereignis statt, das so kompliziert zu beschreiben ist.
Geschäft, Geschäft . . .
Es handelt sich um ein eiskalt betriebenes Geschäft, an dem sehr viele Menschen, darunter auch wir Wiener, sehr viel
verdienen. Weihnachtslieder, echte und solche, die von Domingo Junior komponiert werden, sollen das Herz rühren.
Der in vergangenen Tagen erworbene Ruhm der drei Sänger soll - zu Weihnachten 2000 - Videokassetten und CDs über die
Budel gleiten lassen. Und Wien, Synonym für eine Musikstadt der "alten Welt", wird dabei wenigstens andeutungsweise
auch beworben und könnte dank dieser Aktion einen leisen Anstieg der Nächtigungen in Hotels aller Art verzeichnen. Wie
sollte man als Wiener Einwände gegen ein derart auch der eigenen Stadt förderliches Unternehmen formulieren?
Wie sich auf kleinliche Kritik konzentrieren und den drei Publikumsmagneten nachweisen, dass sie sich sensationellerweise
einmal an ein hohes b heranwagen, in der Regel aber mit letzter Kraft ein tenorales Es bewältigen? Wie vor allem soll man
wenigstens für sich selbst wieder den widerlichen Schleim von "Stille Nacht" wischen, den Christian Kolonovits als
Arrangement drübergepatzt hat?
Und bitte nie mehr
Guten Gewissens erkläre ich, dass mir "Christmas in Vienna" keine Bewunderung abringt. Vor undenklichen Zeiten haben in
New York Bing Crosby und Frank Sinatra authentischere Weihnachts-Shows geliefert. Und dass ich mir nicht einmal zu
Weihnachten die Erinnerungen an große Opernabende mit Placido Domingo, Jose´ Carreras und Luciano Pavarotti rauben
lassen.
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