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Passions-Geschichte
By Wolf-Christian Fink


Ein Tenor, seine Legende und sein wahres Leben: SCALA traf José Carreras in London

Er ist ein Mann von natürlicher Noblesse. Er ist korrekt gekleidet, oft in dunkelblau, trägt klassisch-edle Krawatten und blankgeputzte Schuhe. Wenn er Englisch spricht, artikuliert er so korrekt, dass jedes 'p' einen kleinen Plopp bekommt. Und sein Spanisch klingt so klar und deutlich, dass selbst der gemeine Mallorca-Urlauber das Meiste versteht. José Carreras ist ein Mann von einnehmendem Wesen. Einladend, ja warmherzig begrüßt er auch jene Menschen, die ihm eigentlich eher lästig sein müssten, weil sie seine volle Agenda endgültig überquellen lassen: Journalisten. Viel Zeit hat er natürlich nicht. Die hat er einfach nie.

Fast vergisst man: José Carreras ist Künstler. Weltstar. Und natürlich Mitglied des gefeierten und verdammten, millionenschweren Drei-Tenöre-Kartells. Er könnte aber auch Manager sein oder Vorstandsvorsitzender einer Bank, wie er so dasitzt: gutaussehend, dynamisch und Smalltalk-gewandt.

Wie beruhigend, ihn so zu sehen. Zuletzt traf ich ihn vor fast sechs Jahren. Da ging es ihm schlechter. Er war fahrig und unkonzentriert. Seine Haut schimmerte wie fahles Pergament; er wirkte ungesund. Unwillkürlich erinnerte man sich seinerzeit an jene schwere Krankheit, den Blutkrebs, der damals schon längst als überstanden galt. Aber glücklich schien er nicht. Und das Gespräch über Schatten der überwundenen Krankheit war ihm noch spürbar unangenehm. Das ist heute anders. Offen spricht Carreras über den 'Tunnel', wie er seinen leidensweg nennt, die Leukämie, die im Sommer 1987 ausbrach und ihn fast das Leben gekostet hätte. Ein ganzes Jahr schritt er durch diesen 'Tunnel', ohne zu wissen, ob er die Kliniken jemals wieder verlassen könnte, geschweige denn jemals wieder singen.

Er hat es geschafft. Der Lebensmut kehrte zurück - und mit ihm die Stimme: Der Künstleralltag hatte mich also wieder, wenn auch in anderer, neuer Form", schreibt Carreras in seinem Buch 'Singen mit der Seele'. Meine Selbstsicht hat sich verändert. Man geht aus einer so existenziellen Erfahrung geläutert hervor. Karriere bedeutet nicht mehr alles. Familie und Freunde sind das Wichtigste. Mit meinen Kindern ins Fußballstadion zu gehen, ist das größte Glück. Oder eine Partie Karten nach einern guten Essen', erzählt der Katalane. Dass seine Ehe kurz nach der Genesung zerbrach, ist ebenfalls Geschichte, nun steht eine Österreicherin an seiner Seite.

José Carreras: Das war ein Name, bei dem die Herzen der Opernliebhaber einst höher schlugen. Eine Lichtgestalt, die in den frühen 70er Jahren das internationale Musikleben aufleuchten ließ. Ein junger, glänzend aussehender Tenor mit charakteristischem Silbertimbre und hinreißender Präsenz. Wer ihn seinerzeit auf der Bühne sah, an der Seite einer seiner liebsten Partnerinnen Montserrat Caballé, Agnes Baltsa oder Katia Ricciarelli, schwärmt noch heute. Karajan förderte ihn, erkor ihn zeitweise zum Favoriten und engagierte ihn für vier Gesamtaufnahmen (Don Carlos, Aida, Carmen und Tosca'). Knapp 50 Opernaufnahmen gibt es mit Carreras insgesamt; eine Unzahl von Recitals und Kopplungen entstanden fast 'nebenbei'. Keine Frage: Er war der Star, jünger als die beiden großen Kollegen Pavarotti und Domingo, und seine Möglichkeiten schienen fast unbegrenzt. Welch wichtige Rolle die so unterschiedlichen Konkurrenten einmal für Carreras spielen sollten, ahnte damals noch niemand.

"Sie sind gute Freunde geworden, und sie haben mir in einer kritischen Phase meines Lebens sehr geholfen", bilanziert Carreras die fast zehnjährige Zusammenarbeit der Tenöre-Trias, die 1990 in den römischen Caracall-Thermen am Vorabend des Endspiels zur Fußball-WM begann. Die beiden Älteren nahmen damals Carreras in die Mitte und ließen mit ihren Arien die Welt an den Bildschirmen den Atem anhalten. Der Mitschnitt wurde zum erfolgreichsten Klassik-Album aller Zeiten; die beiden Nachklapp-CDs von 1994 und '98 erreichten qualitativ nicht das selbe Niveau.

Enttäuschend, aber auch vorhersehbar, was dann geschah: Das 'Drei-Tenöre-Konzert' musste zur geschmacklich höchst fragwürdigen Gesangs-Kirmes verkommen, wurde zigfach auf der ganzen Welt wiederholt und mutierte zur erschreckenden Schau dreifachen Stimmverfalls. Die Konzerte in Los Angeles und Paris waren knallhart auf Kasse angelegt und generalstabsmäßig inszeniert Statt Stadion-Feeling gab es zugekleisterte Stereo-Sterilität und absurde Showeffekte. Der CD-Absatz verringerte sich vom ersten Konzert in Rom an um jeweils mehr als ein Drittel.

Während Pavarotti heute vorwiegend mit Steuerskandalen Schlagzeilen macht und Domingo sich mehr und mehr aufs Dirigieren konzentriert, hat José Carreras einen eigenen Weg gefunden. Neben den inzwischen üblichen Großkonzerten im Open-Air-Format, mit Evergreens gespickt und High-Tech ausgestattet, erscheint pro Jahr eine CD mit eigens für Carreras arrangiertem Crossover-Repertoire.'Pure Passion' heißt das neueste Werk - als Nachfolger des erfolgreichen Albums 'Passion'.

Mit verwegenem Dreitagebart und versteinerten Zügen blickt Carreras machomäßig vom Cover, hält jedoch musikalisch nicht ganz, was er optisch verspricht. Aus Orchester, Chor und Carreras wurde eine schaurig-schöne Kitschsammlung gestrickt. Der Höhepunkt: Wagners Tannhäuser-Ouvertüre in einer gesungenen (!) Fassung, unter dem Titel 'Europa'. Immerhin entgeht der Tenor auf diese Weise geschickt der Gefahr, an seinen früheren Leistungen auf den Opernbrettern gemessen zu werden. Hier darf man einfach genießen - und auch mal mitsummen: "Große Tenöre haben immer auch Populäres gesungen. Mario Lanza, das Idol meiner Jugend, machte eine echte Crossover-Karriere mit Oper, film und Schlager", rechtfertigt Carreras die volksnahe Exkurse.

Diese ermöglichen auch die Arbeit seiner Leukämie-Stiftung, die der Sänger vor elf Jahren gegründet hat. Mit Büros in Spanien, Deutschland, der Schweiz und den USA unterstützt die Organisation weltweit Forschungs- und Behandlungsprojekte. 30 Millionen Mark kamen allein durch die Carreras-Galas in der ARD zusammen; eine Berliner Klinik für Leukämiekranke Kinder erhielt eine Spende von vier Millionen Mark.

"Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, diese Arbeit fortzusetzen. Die Hilfe, die ich während meiner Krankheit erfuhr, möchte ich zurückgeben. Was könnte schöner sein, als meinen Gesang dafür einzubringen?" Auch ein Teil des Erlöses von "Pure Passion" soll der Stiftung zugute kommen. Ein Vertrag für fünf weitere CDs wurde kürzlich mit Warner unterzeichnet.

José Carreras heute: Der strahlende Stern am Himmel der Oper ist zur Legende geworden. Der Mensch und Sänger Carreras lebt jetzt sein zweites Leben.

Copyright © 1999 Scala Magazine


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Source: Scala Magazine
Date Published: September/October