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Charmeur und Draufgänger
By Martina Helmig


Die Startenöre José Carreras und José Cura singen auf dem Gendarmenmarkt

Diesmal haben die Veranstalter des «Classic Open Air»-Festivals sich selbst übertrumpft. Ein Gala-Konzert mit José Cura war bereits angekündigt. Dann sagte José Carreras zu - und eine zweite Gala wurde kurzfristig anberaumt. Man kann doch nie zu viele Tenöre haben.

José Carreras ist seit Jahrzehnten ein Name von Weltrang. Seit dem Erfolg der «Drei Tenöre» ist er selbst Opernmuffeln geläufig. Mit 53 Jahren hat der Spanier einen guten Teil seiner Karriere bereits hinter sich gebracht. Der andere José ist mit 38 Jahren im besten Tenoralter. Der Argentinier ist der große Aufsteiger der letzten Zeit und empfiehlt sich als «Tenor des 21. Jahrhunderts».

José Cura kommt vor dem Konzert noch selbst nach Berlin, um für seine Gala zu werben. Carreras kann man bestenfalls auf dem Stuttgarter Flughafen treffen, wenn er auf dem Weg von Barcelona nach Heidelberg mit seinem Privatjet einen kurzen Zwischenstop einlegt. Beide sind charmant und unprätentiös, wenn man ihnen erst einmal gegenüber sitzt. Carreras in der saloppen Freizeitjacke ist zum Scherzen aufgelegt. Sein jüngerer Kollege, der das Hemd lässig über den Jeans trägt, hat eher ein aufbrausendes Temperament. Er lässt sich sogar dazu hinreißen, sein Publikum zu beschimpfen, wenn er sich - wie kürzlich in Madrid - zu Unrecht ausgebuht fühlt.

Die beiden Galaprogramme auf dem Gendarmenmarkt sind sehr unterschiedlich. José Carreras will Arien, Lieder und Zarzuelas von Costa, Gastaldon, Cilea, Rendine, Falvo, Cardillo und Serrano singen. Cura dagegen möchte mit dem großen Opernrepertoire brillieren: «Carmen», «Andrea Chenier», «Don Carlos», «Madame Butterfly» und «Cavalleria rusticana».

Andrea Chenier und Don José aus «Carmen» zählt auch José Carreras nach wie vor zu seinen Lieblingsrollen. Mit den großen Partien hat er in den siebziger Jahren seine Karriere begründet, nachdem ihn Montserrat Caballé als «Jahrhunderttenor» entdeckt hatte. Inzwischen verlegt er sich mehr und mehr auf Randbereiche des Opernrepertoires, auf Verdis «Jerusalem» oder Wolf-Ferraris «Sly». Sechzig Partien hat Carreras im Lauf seiner Karriere gesungen. Heute verbringt er nur noch 15 bis 20 Abende pro Jahr auf der Opernbühne. Dazu kommen 35 bis 40 Konzerte. Seitdem er Ende der achtziger Jahre eine Leukämie-Erkrankung überstanden hat, tritt er etwas kürzer und investiert viel Zeit in die von ihm gegründete Leukämie-Stiftung.

José Cura ersingt sich währenddessen seinen Platz in der tenoralen Spitzenliga an etwa 75 Abenden im Jahr. Er brilliert mit «Carmen» an der Pariser Bastille-Oper und «Cavalleria rusticana» an der New Yorker Met. Als Otello ist er zur Zeit überall gefragt. Eine Partie, die Carreras nicht singt. Cura arbeitet hart an seinem Repertoire. Es umfasst erst halb so viele Opernrollen wie das von Carreras, aber schließlich hat er die Debuts in 28 von diesen 30 Partien in den letzten vier Jahren bewältigt.

Carreras kann es sich leisten, nur noch zu singen, was er wirklich will. Sein jüngerer Kollege ist noch dabei, seinen Namen mit großen Partien in die Köpfe des Opernpublikums einzubrennen. Auf dem Weg zur breiten Popularität hat er auch nichts gegen große Open-Air-Konzerte und Tenorschlager. Dabei beteuert er, dass auch er gern ausgefallenere Werke singen würde - wenn es die Gesetze des Opernmarktes nur zulassen würden. Für die Neue Musik hat er eine besondere Vorliebe, schließlich hat er selbst Komposition studiert und eine ganze Reihe von Werken geschrieben.

Carreras bezeichnet das Singen als «Berufung», Cura als «Job». Der Argentinier sieht sich als Musiker im umfassenden Sinne. Er stellt sich sogar vor, den Taktstock in Zukunft an die erste Stelle zu setzen. In den nächsten Jahren dürfte das Singen allerdings im Vordergrund stehen. Schließlich zählt der sportliche Lateinamerikaner zu den wichtigsten Hoffnungen des Opernbetriebs. Er verfügt über eine große Stimme, eine rasante Bühnenpräsenz - und er ist ein Frauenschwarm. Das war Carreras in Curas Alter ebenso. Damals hat man ihn den «schönen José» genannt. Mit 53 Jahren hat er viel an Lebenserfahrungen gewonnen, spricht von reiferen und tieferen Interpretationen. Aber er muss allmählich auch Abstriche machen. Das gibt er neidlos zu. Eine jüngere Generation von Tenören ist auf dem Vormarsch.

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Source: Berliner Morgenpost
Date Published: July 02, 2001