Berlin (rpo). Es sollte ein ganz normales Konzert bei den Classic Open
Air Festivals auf dem Berliner Gendarmenmarkt werden. Der spanische
Startenor Jose Carreras sang am Dienstag zusammen mit seiner Landsfrau,
der Sopranistin Ofelia Sala, Arien und Duette. Begeistert feierten die
rund 7.000 Besucher mit und forderten Zugabe um Zugabe. Bei der vierten
stand dann plötzlich ein kleiner Mann in schwarzen Lederhosen neben
Carreras und begann zu pfeifen.
Der "Wind of Change" wehte zwischen Deutschem und Französischen Dom.
Der kleine Mann war Klaus Meine, Sänger der deutschen Rockformation
Scorpions. Carreras stimmte in den Song ein und schmetterte die Hymne
mit vibrierender Stimme - eine Weltpremiere. Niemals zuvor war das
ungleiche Duo zusammen aufgetreten.Noch vor wenigen Jahren hatte der
54-jährige Carreras, der zusammen mit seinen Kollegen Luciano Pavarotti
und Placido Domingo in der Formation der "Drei Tenöre" für Furore
sorgt, in einem Interview gesagt, dass ihn Pop nicht interessieren würde.
Carreras: "Musik für jede Situation"
Jetzt dagegen hat er sich dem Zeitgeist angepasst. Früher habe es
geheißen, dass man Pop hassen müsse, wenn man Klassik und Oper liebe
und umgekehrt. "Jetzt gibt es Musik für jede Situation", erklärte
Carreras, der sich auch sozial engagiert. Nach eigener Erkrankung
gründete er 1988 eine Stiftung für Leukämie-Patienten. Die Zeiten
ändern sich - auch für Meine. Cross-Over, die Verbindung zwischen
klassischer und Pop-Musik, ist längst zu einer Erfolgsgeschichte
geworden. Zusammen mit seiner Band sammelte er in diesem Bereich in den
vergangenen Jahren Erfahrungen, als er etwa mit den Berliner
Philharmonikern ein Album aufnahm, das unter anderem auch die
Expo-Hymne "Moment of Glory" enthielt. Damals bezeichnete er die
Erfahrungen als "Meilenstein" der inzwischen 36-jährigen
Band-Geschichte. Doch mit klassischem Repertoire tut sich der
Scorpions-Sänger noch schwer.
Als Sala und Carreras zusammen mit dem European Festival Orchestra
unter Leitung von David Gimenez ein weiteres Duett zum Besten gaben,
wippte Meine zwar rhythmisch mit dem Fuß im Takt und griff sogar zum
Mikrofon. Zu hören war seine Stimme allerdings nicht. Ob aus dem kurzen
Intermezzo zwischen Meine und Carreras mehr als ein Werbe-Gag werden
könnte, vermochten die Veranstalter zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht
zu sagen. Sie wollten mit dem Überraschungsgast zum Abschlusskonzert
der Jubiläumsveranstaltung, dem zehnten Classic Open Air, noch einmal
für Aufmerksamkeit zu sorgen.
Das gelang: Die Zuschauer dankten mit einem kollektiven Aufstöhnen, als
Meine bei seinem Hit mit markanter Stimme einsetzte und später mit
minutenlangen stehenden Ovationen. Fotografen und Kamerateams hielten
den "historischen" Moment fest. Mit dem Konzert schloss sich auch ein
Kreis. 1992 eröffnete Carreras das erste Festival und begeisterte auch
damals die Fans. Allein seine Zugaben dauerten 120 Minuten. Ganz so
viel Luft hatte Carreras bei der zehnten Auflage nicht. Aber dafür war
ja Meine da.
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