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Spanischer Strudel
By Stefan Melle


José Carreras sang auf dem Gendarmenmarkt, bei "Wind of Change" stand er wie ein Zinnsoldat

Vor neun Jahren hat José Carreras das erste "Classic Open Air"-Festival mit seinem Konzert geweiht. Jetzt, zum zehnten, hat der Tenor, den Millionen Leute gern singen hören und der für Millionen Leute gern glanzvoll singt, das Sommermusikfest auf dem Gendarmenmarkt wieder beehrt.

Es ist noch immer ein Ereignis. Schon am Nachmittag beziehen Carreras' erste Anhänger Stellung außerhalb der Tribünen. Sie holen Klappstühle heraus, besetzen die Stufen der beiden Dome, dann auch die Parterre-Nischen der Nachbargebäude. Endlich werden Wein und Obst aufgetischt, die Appetithappen aus den Plastikdosen herausgeholt.

Leben als Klassiker

Abends, als es dämmert und Carreras schon singt, entzünden sie Kerzen und Lampions, man tafelt. Rund um den Gendarmenmarkt belegen Hörlustige die Bürofenster. Am Eckgebäude gegenüber dem Deutschen Dom drängen sich die Gäste einer Dachetagenparty über das Balkongeländer.

Sie alle genießen den Auftritt des Stars kostenlos, der die Besucher auf den Plätzen bis zu 200 Mark gekostet hat. Wegen der Preise bleiben etliche Sitze leer. Den Schwarzkartenverkäufern ist das Geschäft verhagelt. José Carreras, hatten sie wohl gedacht, müsste doch etwas Lohnendes sein.

Zu diesem Zeitpunkt stand das ganze Wagendorf des "Classic Open Air"-Festivals bereits fünf Tage: die Wurstbuden und die Werbestände, die VIP-Zelte mit ihren Plastikblumen und dem Posten am Eingang, dazu die Vorzeigeautos des Sponsors, die nach jedem Regen trocken gewischt werden. Jeden Abend war Musik in den Sommerhimmel gezogen, in nicht zu langen, nicht zu schwierigen, aber schmackhaften Happen. Jeden Tag spielte ein anderes Orchester, jeden Tag ein anderer Klassik-Stern. Am Montag, nach dem Konzert des russischen Nationalorchesters, fackelten die Veranstalter sogar ein großes Feuerwerk ab. Per Fernsehen wurde es bis nach Sibirien übertragen. Trotzdem haben viele nur auf den Abschlussabend gewartet.

Das umso mehr, als zusammen mit Carreras auch Klaus Meine angekündigt war. Zu Jahresbeginn hatten beide, der Opernsänger und der Frontmann der Hardrock-Band Scorpions, schon gemeinsam eine CD aufgenommen. Offensichtlich gewöhnen die Scorpions sich ein im Leben als Klassiker. Im vorigen Jahr hatte sich die Band für die Weltausstellung Expo schon einmal mit den Berliner Philharmonikern verbündet. Die Philharmoniker hatte der Auftritt zu einem netten Klangvorleger, die Scorpions zu einer Softrock-Gruppe gemacht.

Als Meine diesmal auftritt, sind freilich alle Arien schon gesungen. Er ist diesmal eher eine persönliche Zugabe von Carreras, wie es auch die Musiker vom "European Festival Orchestra" sind, die früher einfach das "Minsk Orchestra" waren. Oder wie Ophelia Sala vom Opernhaus in Leipzig es ist. Sie ersetzt die erkrankte Isabel Rey. Aber sie singt bravourös und lebendig, und Berlin darf sich freuen, sie ab Herbst an der Deutschen Oper zu haben.

Rote Rosen

Als die beiden Männer also Meines Dauerhit vom "The Wind of Change" ertönen lassen, zeigt Carreras tadellose Qualitäten als Popsänger. Nur bezüglich der Lockerheit bringt Meine dem Kollegen noch etwas bei. Mit dem Fuss wippt er sanft den Rhythmus mit, beherzt schwingt er sich und den Mikrofonständer umher, während Carreras die Hände fest an der Hosennaht hält wie ein Zinnsoldat. Als Carreras danach schon wieder seine eigenen Lieder singt, wippt Meine immer noch. Bloß passt es nun nicht mehr.

Das Ringen um die Gemüter der Hörer gewinnt Carreras allerdings viel früher. Zuerst klatschen die Leute zwar verhalten. Denn Carreras tut eben, was sie sich erhofft haben: Er wirft sich mit Lust und Macht und Sehnsucht und Schmelz in die melodramatischen Strudel italienischer und spanischer Sangeskunst und wirkt großartig. Aber bald jubeln die Tausenden besonders, als mit den Zugaben ein beliebtes Ritual beginnt: Carreras will noch singen, aber erst muss geklatscht werden. Außerdem hat Carreras einen sicheren Trick: Kurz vor Schluss wird er stets lauter, dramatisch. Kommt dann der letzte Ton, nimmt er die Hände und reißt sein Ende in der Luft ab. Ein Ignorant, wer da nicht lautstark applaudiert.

Derweil leuchten die Säulen des Schauspielhauses mal rot, mal blau, manchmal züngeln echte Flammen an den Säulen empor. Auch das Schiller-Denkmal wechselt mit den Liedern seine Farbe und sieht aus wie ein Szenesymbol. Hinterher verteilen die Sponsoren rote Rosen. Alles ist wahrhaft Pop.

Copyright © 2001 Berliner Zeitung


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Source: Berliner Zeitung
Date Published: June 19, 2001