José Carreras sang auf dem Gendarmenmarkt, bei "Wind of Change" stand
er wie ein Zinnsoldat
Vor neun Jahren hat José Carreras das erste "Classic Open Air"-Festival
mit seinem Konzert geweiht. Jetzt, zum zehnten, hat der Tenor, den
Millionen Leute gern singen hören und der für Millionen Leute gern
glanzvoll singt, das Sommermusikfest auf dem Gendarmenmarkt wieder beehrt.
Es ist noch immer ein Ereignis. Schon am Nachmittag beziehen Carreras'
erste Anhänger Stellung außerhalb der Tribünen. Sie holen Klappstühle
heraus, besetzen die Stufen der beiden Dome, dann auch die
Parterre-Nischen der Nachbargebäude. Endlich werden Wein und Obst
aufgetischt, die Appetithappen aus den Plastikdosen herausgeholt.
Leben als Klassiker
Abends, als es dämmert und Carreras schon singt, entzünden sie Kerzen
und Lampions, man tafelt. Rund um den Gendarmenmarkt belegen Hörlustige
die Bürofenster. Am Eckgebäude gegenüber dem Deutschen Dom drängen sich
die Gäste einer Dachetagenparty über das Balkongeländer.
Sie alle genießen den Auftritt des Stars kostenlos, der die Besucher
auf den Plätzen bis zu 200 Mark gekostet hat. Wegen der Preise bleiben
etliche Sitze leer. Den Schwarzkartenverkäufern ist das Geschäft
verhagelt. José Carreras, hatten sie wohl gedacht, müsste doch etwas
Lohnendes sein.
Zu diesem Zeitpunkt stand das ganze Wagendorf des "Classic Open
Air"-Festivals bereits fünf Tage: die Wurstbuden und die Werbestände,
die VIP-Zelte mit ihren Plastikblumen und dem Posten am Eingang, dazu
die Vorzeigeautos des Sponsors, die nach jedem Regen trocken gewischt
werden. Jeden Abend war Musik in den Sommerhimmel gezogen, in nicht zu
langen, nicht zu schwierigen, aber schmackhaften Happen. Jeden Tag
spielte ein anderes Orchester, jeden Tag ein anderer Klassik-Stern. Am
Montag, nach dem Konzert des russischen Nationalorchesters, fackelten
die Veranstalter sogar ein großes Feuerwerk ab. Per Fernsehen wurde es
bis nach Sibirien übertragen. Trotzdem haben viele nur auf den
Abschlussabend gewartet.
Das umso mehr, als zusammen mit Carreras auch Klaus Meine angekündigt
war. Zu Jahresbeginn hatten beide, der Opernsänger und der Frontmann
der Hardrock-Band Scorpions, schon gemeinsam eine CD aufgenommen.
Offensichtlich gewöhnen die Scorpions sich ein im Leben als Klassiker.
Im vorigen Jahr hatte sich die Band für die Weltausstellung Expo schon
einmal mit den Berliner Philharmonikern verbündet. Die Philharmoniker
hatte der Auftritt zu einem netten Klangvorleger, die Scorpions zu
einer Softrock-Gruppe gemacht.
Als Meine diesmal auftritt, sind freilich alle Arien schon gesungen. Er
ist diesmal eher eine persönliche Zugabe von Carreras, wie es auch die
Musiker vom "European Festival Orchestra" sind, die früher einfach das
"Minsk Orchestra" waren. Oder wie Ophelia Sala vom Opernhaus in Leipzig
es ist. Sie ersetzt die erkrankte Isabel Rey. Aber sie singt bravourös
und lebendig, und Berlin darf sich freuen, sie ab Herbst an der
Deutschen Oper zu haben.
Rote Rosen
Als die beiden Männer also Meines Dauerhit vom "The Wind of Change"
ertönen lassen, zeigt Carreras tadellose Qualitäten als Popsänger. Nur
bezüglich der Lockerheit bringt Meine dem Kollegen noch etwas bei. Mit
dem Fuss wippt er sanft den Rhythmus mit, beherzt schwingt er sich und
den Mikrofonständer umher, während Carreras die Hände fest an der
Hosennaht hält wie ein Zinnsoldat. Als Carreras danach schon wieder
seine eigenen Lieder singt, wippt Meine immer noch. Bloß passt es nun
nicht mehr.
Das Ringen um die Gemüter der Hörer gewinnt Carreras allerdings viel
früher. Zuerst klatschen die Leute zwar verhalten. Denn Carreras tut
eben, was sie sich erhofft haben: Er wirft sich mit Lust und Macht und
Sehnsucht und Schmelz in die melodramatischen Strudel italienischer und
spanischer Sangeskunst und wirkt großartig. Aber bald jubeln die
Tausenden besonders, als mit den Zugaben ein beliebtes Ritual beginnt:
Carreras will noch singen, aber erst muss geklatscht werden. Außerdem
hat Carreras einen sicheren Trick: Kurz vor Schluss wird er stets
lauter, dramatisch. Kommt dann der letzte Ton, nimmt er die Hände und
reißt sein Ende in der Luft ab. Ein Ignorant, wer da nicht lautstark
applaudiert.
Derweil leuchten die Säulen des Schauspielhauses mal rot, mal blau,
manchmal züngeln echte Flammen an den Säulen empor. Auch das
Schiller-Denkmal wechselt mit den Liedern seine Farbe und sieht aus wie
ein Szenesymbol. Hinterher verteilen die Sponsoren rote Rosen. Alles
ist wahrhaft Pop.
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