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José Carreras in Gstaad
By Klaus Schädeli


Der Verlierer bleibt am Ende doch der Sieger

José Carreras ist in die Jahre gekommen: In Gstaad sang der spanische Startenor in ein Mikrofon. Trotzdem erreichte er die Herzen der Fans: Sein gefühlvoller Ausdruck bleibt unerreicht.

José Carreras hatte schon gewonnen, bevor er einen einzigen Ton sang: Denn die Erwartungen des Publikums im Gstaader Festivalzelt waren schon fast erfüllt, weil der 53-jährige spanische Startenor tatsächlich leibhaftig auf dem Podium stand. Für ihn waren die Herzen weit offen. Und er brauchte nur den Balsam der melancholischen Melodien aus Spanien oder Italien hineinzuträufeln, dass diese Herzen endgültig dahinschmolzen. Carreras besitzt eben das, was jeder Künstler haben muss, wenn er ein Star werden will: Charisma. Doch was ist das eigentlich, dieses oft beschworene Charisma?

Der Verletzliche
Es gibt nicht nur drei Weltklassetenöre. Luciano Pavarotti, Placido Domingo und José Carreras sind aber jeder für sich so ausgeprägte Charaktere, dass sie einander nicht im Wege stehen, sondern sich ergänzen. Pavarotti der Imposante, Domingo der Überlegte und Carreras der zurückhaltend Menschliche und Verletzliche: Auch wenn sie auf der Bühne die gleichen Partien singen und spielen, hat doch jeder seine eigene Rolle im Operngeschäft. «Ich kann nicht Meisterkurse für 70 angehende junge Sänger abhalten», sagt José Carreras. Und er meint damit, dass sich eine Persönlichkeit nicht auf andere übertragen lässt. Der kleine grauhaarige eher unscheinbar wirkende Künstler ist ein Unikat und unersetzbar.

Selbstverständlich gehört auch zum Image des Verletzlichen, dass der Tenor vor vierzehn Jahren eine Leukämieerkrankung überwand und seinen Fans sozusagen neu geschenkt wurde. Selbstverständlich forscht man in den hageren Gesichtszügen nach Spuren, die das Leiden hinterlassen hat, obschon der Künstler betont, dass die Krankheit besiegt ist. Aber er kämpft weiter gegen die Leukämie - für andere. Er tourt durch die Welt und sammelt mit seiner Stimme für die «José Carreras International Leukaemia Foundation» Geld. Sein Ziel ist, dass alle von der heimtückischen Krankheit befreit werden können. Zu hoffen ist, dass er sich selber damit nicht überanstrengt.

Der Rastlose
Mit den gemeinsamen Auftritten hätten die drei Tenöre ein breites Publikum erreicht, das sonst nicht in die Oper geht, freut sich José Carreras. Aber als er vor seinem Auftritt in Gstaad eine Uhren- und Schmuckboutique der Genfer Nobelfirma Chopard eröffnete, schien er sich im Inneren des Gebäudes eher vor den Leuten verstecken zu wollen, die so lange auf ihn gewartet hatten. Er ist keiner, der das Bad in der Menge geniesst. Als ihm während seines Konzerts im Festivalzelt die Summe von 400 000 Franken für seine Stiftung überreicht wurde, stand er eher verlegen da und bedankte sich mit knappen Worten.

Der Antiheld
José Carreras ist die perfekte Verkörperung des Antihelden. Im Leben stand er als Verlierer da - und gewann trotzdem. Und auf der Bühne und im Konzert verkörpert er den Mann, der Gefühle zeigen kann, dessen Heroismus darin besteht, dass er auch in aussichtslosen Situationen siegt - als Mensch. Das mussten in Gstaad auch jene zur Kenntnis nehmen, die meinen, mit der Karriere des grossen Tenors sei es bald vorbei.

Tatsächlich klang die Stimme brüchig. Allzu grosse stimmtechnische Risiken ging er nicht mehr ein. Und der Opernsänger sang in ein Mikrofon, was anderen kaum verziehen würde. Aber immer noch ging zu Herzen, was an Gefühlen herüber kam. Er singe, so lange die Leute ihn hören wollten, meint Carreras. Und das werden sie noch lange wollen. An der Fussball-WM 2002 in Südkorea und Japan wird er mit Pavarotti und Domingo auftreten. Legenden überleben sich nicht so schnell. Seine junge Landsfrau Ofelia Sala sang in Gstaad an José Carreras Seite ohne Mikrofon. Trotz ihrer beachtlichen Stimme hat sie noch einen weiten Weg vor sich, um selber vielleicht einmal selber eine Legende zu werden. «Schritt um Schritt und nicht zu schnell vorwärts gehen», rät José Carreras jungen Sängerinnen und Sängern.

 

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Source: BZ-Kultur
Date Published: September 3, 2001