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Der letzte Tenor
By Axel Brüggemann


Warum José Carreras eine Sängergeneration verkörpert, die es so nie mehr geben wird

Einen Tenor erkennt man am Taschentuch. Luciano Pavarotti wickelt es in XXL-Ausführung um den Finger und wedelt es zu den längst wacklig gewordenen Höhen von "O sole mio" wie ein Zauberkünstler beim Ablenkungsmanöver. José Carreras ist anders: Er hält das Tuch fein säuberlich gefaltet in der Rechten, führt es noch vor dem ersten Ton an die Lippen, hüstelt leise, während die Streicher schon Anlauf nehmen und sich der Sänger langsam in Pose wirft, um sein Lied "Granada" zu schmettern. Wenn sich seine Stimme zum turbulenten Finale in die Höhen schraubt, von Blut und Sonne erzählt, wenn das Gesicht sich verzerrt, die Töne mit letzter Kraft aus der Brust ins Auditorium schleudern, erhebt sich das Publikum noch über das Orchester hinweg und jubelt - es feiert eine Stimme.

Am nächsten Tag ist die Stimme wieder Mensch: "Ein Tenor wird vom Publikum gemacht", sagt Carreras nachdenklich. Uneitel, aber selbstsicher: "Es geht nicht immer um die richtigen Töne, sondern um das Charisma, mit dem ein Sänger seine Seele offenbart." Natürlich brauchen Tenor-Legenden mehr als das. Ihr Mythos muss wachsen - bei Carreras in einer 30-jährigen Karriere in über 50 Rollen.

Er verkörpert die goldene Ära der Oper, die 70er- und 80er-Jahre, als Marketing-König Herbert von Karajan die Karawane der Klassik-Sänger von den Bühnen der Welt direkt ins Aufnahmestudio lockte, als Mikrofone die Verästelungen der Stimmen, ihre Vibrati und Tremoli in allen Wohnzimmern aufbliesen, als die Oper zur Massenkultur wurde wie nie zuvor.

Die Opernszene war übersichtlich: Drei Tenöre bestellten das Repertoire als unverwechselbare Individuen. Der lyrische Luciano Pavarotti, der männliche Plácido Domingo und der archaische, poetische José Carreras. Als sie 1990 zur Fußballweltmeisterschaft in den römischen Thermen von Caracalla zum ersten Mal gemeinsam auftraten, vereinte sich das gesamte Panoptikum der Oper in ihren drei Stimmen. 800 Millionen Menschen verfolgten das Spektakel weltweit. "Das Konzert wurde zu einem Phänomen", wundert sich Carreras heute, "aber nur, weil wir 30 Jahre auf der Bühne gerackert haben, weil wir in der ganzen Welt als Menschen in Charakteren zu erleben waren." Inzwischen sind die drei Tenöre zur Trademark geworden. Zum gegenwärtigen Markenzeichen einer vergangenen Operngeneration. Und zum Vorbild des Nachwuchses, der zu vergessen scheint, dass Fußballstadien die letzte Station vor der Ewigkeit sind, nicht der Anfang einer Karriere.

Hier, in den Open-Air-Opernhäusern der Multi-Media-Gesellschaft überleben nur die wahren Helden. Viele sind gescheitert: Nachwuchs-Star José Cura hat sich von den Massenkonzerten wieder zurückgezogen, etabliert seine Aura auf den Opernbühnen, und selbst Andrea Bocelli hat sich als mikrofonverstärkte Eintagsfliege entpuppt, die ohne Lautsprecher in der fünften Reihe kaum zu hören ist. Einer von vielen, die auf der Woge des Klassik-Hypes der drei Tenöre gesurft sind - aber ohne deren Tradition. Carreras lächelt väterlich: "Bocelli hat eine elegante Stimme, aber er ist ein medienorientierter Künstler."

In der aktuellen Klassik-Krise soll der Tantiemen-Erfolg der Tenöre mit neuen Gesichtern reproduziert werden. Aber die Marketingabteilungen der Lables haben vergessen, dass sie den drei Tenören 20 Jahre lang abenteuerliche Projekte ermöglichten, dass José Carreras nicht allein in Opern-Kassen-Klassikern, als Don José in "Carmen" oder als Cavaradossi in "Tosca" in die Studios ging, sondern den frühen Verdi für die Platte neu entdeckte. "Das Abweichen vom marktorientierten Mainstream, das bedingungslose Mut zum Risiko ist der Kern einer Karriere", sagt Carreras heute.

Ende des Monats wird er mit dem Echo-Preis der Schallplattenindustrie ausgezeichnet - für seine letzte Trouvaille: Ermanno Wolf-Ferraris Oper "Sly". Wieder mag man sich wundern, dass die Platten-Lobby nur die Titanen des Opernbizz' ehrt (neben Carreras auch Cecilia Bartoli), dass sie kein Vertrauen in den Nachwuchs zu haben scheint. "Die Plattenindustrie funktioniert wie ein Teufelskreis", sagt Carreras. "Sie brauchen einen Namen, um Unbekanntes zu verkaufen. So haben nur die alten Künstler die Möglichkeit, die Meriten der Entdecker einzuheimsen. Das ist sicherlich nicht ganz fair." Inzwischen kann er es sich leisten, neu zu denken, plant Ausgrabungen von Franco Alfanos "Cyrano de Bergerac" oder Leoncavallos "Oedipus". Warum hat das 21. Jahrhundert noch keine Tenöre geboren? "Die gibt es doch", protestiert Carreras, nennt Alvarez, Alagna und Cura. Gleichzeitig beklagt er die mangelnde Ausbildung des Nachwuchses: "Heute gibt es kaum noch Karrieren, die an Stadttheatern beginnen, in denen sich Sänger ein Repertoire erarbeiten können. Sobald jemand entdeckt ist, wird seine Stimme in der kurzlebigen Klassik-Szene verheizt." Sieht Carreras die Nachwuchsförderung nicht als eigenen Auftrag? "Wenn ich eine Stimme hören würde, an die ich glaube, würde ich meine Zeit opfern. Aber Meisterkurse, in denen ich in drei Stunden 70 Sängern etwas über eine 30-jährige Karriere erzählen soll, halte ich für abwegig."

Carreras hat sich nach seiner Heilung von der Leukämie ein anderes Feld gesucht. Sein "Granada" singt er für die José Carreras Stiftung. Die Chronographen-Manufaktur Chopard hat das Galakonzert organisiert und eine halbe Million Mark gesammelt. "Wir haben schon über 1000 Menschen eine Bluttransfusion ermöglicht", freut sich Carreras. Das ist seine Mission.

In den Schlussapplaus von "Granada" mischt sich eine merkwürdige Melancholie. Die Anstrengung und die verzerrte Mikrofon-Qualität sind kaum zu überhören. Für einen Augenblick scheint man Zeuge des Abgesangs einer Karriere zu sein. Glaubt, dass es eine Schwäche der Stars ist, nicht abtreten zu können. Aber es gibt genügend Gegenbeispiele: Martha Mödl wird bis heute auf den Bühnen der Welt gefeiert, Alfredo Kraus hat bewiesen, dass Tenöre bis ins hohe Alter einen jugendlichen "Werther" singen können, und dann stellt sich auch bei Carreras die Erkenntnis ein: Mit seinem Lieder-Repertoire hat er einen Weg gefunden, in dem der alte Klang zuweilen aufflackern kann.

Gerade hat Domingo seinen Rücktritt in fünf Jahren angekündigt, aber Carreras will weitersingen: "Ich habe noch so viel vor, und das Publikum ist mir treu - warum sollte ich aufhören?" Recht hat er: Das Publikum jubelt, wenn er die Arme in die Luft schmeißt, sein ganzer Körper Nachhall seiner Stimme wird. Das Auditorium erhebt sich zu Ovationen, wenn Carreras das Taschentuch in der Hose verschwinden lässt. Hier wird eine Opern-Ära bejubelt. Eine Tenor-Legende, die kein Taschentuch braucht.

 

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Source: Die Welt
Date Published: September 9, 2001