Ein routiniert abgespulter Liederabend mit José Carreras im Park des
BR-Studios Franken in Nürnberg
Eigentlich wollte er Chemiker werden und vielleicht liegt es darin, dass
die Chemie zwischen ihm und dem Publikum eindeutig stimmt: José Carreras
präsentierte beim Freiluft-Sit-in im Park des Bayerischen Rundfunks
unterdurchschnittliche Musikkost auf durchschnittlichem Niveau und
erntete dennoch standing ovations.
Man muss augenscheinlich nur einen Namen haben, dann wird einem
Startenor auch ein lustlos abgeschnurrtes Tournee-Menü als vokale
Offenbarung abgenommen. Irgendwie kam da Otti Schenks süffiges Bonmot in
den Sinn: "Wir haben einem Sänger auch dann noch applaudiert, als er
keine Stimme mehr hatte, weil wir wussten, was er war, als er noch
Stimme hatte. . ."
Über Stimme gebietet der 55-Jährige immer noch, auch wenn er die Gefilde
jenseits des G's auffällig meidet. Spitzentöne strengen ihn hörbar an.
Aber Carreras wuchert dafür mit Pfunden, die er in seiner mittlerweile
30-jährigen Karriere bis zur Vollendung trainiert und veredelt hat. Da
ist dieses samtweiche, übergangslose Legato, das eine Melodie in die
Unendlichkeit verlängert. Da sind die wohldosierten kleinen Explosionen,
wenn die Zielworte Herz, Schmerz oder Liebe erklommen werden müssen.
Hier zeigt sich der Katalane als lyrischer, wenn auch nervös an den
Manschetten nestelnder Mustergestalter mit angeborener Melancholie in
Blick und Gaumen.
Aber womit ist das erkauft? Mit einem abwechslungs- und kontrastarmen
Potpourri italienischer und französischer Schmachtfetzen, die stets auf
dem schmalen Grat vom Volks- zum Kunstlied lavieren. Die Veranstalter
priesen das bescheiden als die "schönsten Melodien der Welt" an. Das
Publikum, das sich nur zu gerne auch über einen Ausflug ins Opernfach
gefreut hätte, durfte sich wohl nur beim zugebenen "Santa Lucia", bei
Tosellis unverwüstlicher "Serenata" oder Gastaldons "Musica proibita
über ein Wiedererkennungserlebnis freuen.
Stimme ist halt nicht alles, manchmal sind auch Inhalt und Form nicht zu
verachten. Gerade deshalb ist immer wieder verwunderlich, dass sich unbe
strittene Weltstars nicht ebenbürtige musikalische Begleiter an die
Seite holen. Bei Anne-Sophie Mutter und ihrem ständigen Pianisten
Lambert Orkis ist das ebenso wie oft auch bei den diversen
Klavierpartnern von Montserrat Caballé.
Kursaal-Level
Deren Lands- und Stadtmann Carreras (beide stammen aus Barcelona) legt
darauf - wie's scheint - wenig wert. Sowohl Lorenzo Barai am Bösendörfer
als auch die Streicher des Novo Quartetto Italiano schrammelten auf
gehobenem Kursaal-Level. Dagegen überraschte die Lichtregie die rund
2500 Carreras-Fans mit funkelnden Sternenpanoramen unterm mild
gestimmten Sommer(im Park)anfangs-Abend, für den das Wort Gala
allerdings drei Etagen zu hoch gegriffen war.
Das einzige was wirklich Gala-würdig daherkam, waren die
Eintrittspreise. Hohe Preise für hohe Kultur? Die Rechnung geht nicht in
jedem Fall auf.
Copyright © 2002 Nürnberger Nachrichten.