José Carreras kehrt nach Salzburg zurück. Der Tenor, der immer
noch voller Bewunderung über seine Arbeit mit Herbert von Karajan
schwärmt, besiegte den Tod. Heute widmet er sich intensiv der
"José Carreras Leukämiehilfe", die es sich zum Ziel gesetzt hat,
diese schreckliche Krankheit heilbar zu machen.
José Carreras: "In Salzburg werde ich sehr an Herbert von Karajan
denken. Er war für mich der größte Dirigent"
"21. Juli 1988. Ein wunderbarer Tag - mein Tag. Heute werde ich
wieder singen, heute abend in meinem geliebten Barcelona. Was
hinter mir liegt, ist ein Alptraum. Vor einem Jahr war es erst, daß
die grausamste Periode meines Lebens begonnen hatte, aber alles scheint
schon ewig lange zurückzuliegen, der Ausbruch der
Krankheit, die monatelange Behandlung. Ich habe es überstanden,
ich lebe. Viel schöner noch - ich kann wieder singen. Mein Tag.
Der Tag, auf den ich mich gefreut habe wie auf nichts anderes.
Der Tag, an dem ich der Opernwelt sagen will: Seht her, ich bin
zurückgekommen, ich bin wieder unter euch Lebenden...". So beschreibt
José Carreras in seiner Biographie "Singen mit der
Seele" den Tag seines Comebacks. Ein Jahr davor war er an
Leukämie erkrankt. Chemotherapie und eine Knochenmarkstransplantation
bei Prof. Thomas in Seattle
retteten ihm das Leben. Während all dieser schmerzhaften
Monate hatte Carreras dennoch immer nur einen Gedanken:
"Ich will überleben, ich will siegen - und wenn meine Chance nur
fünf Prozent ist - ich werde kämpfen." Und für ihn stand selbst
in diesen schweren Monaten fest: "Und wenn ich gesund werde,
dann will ich wieder singen."
Aus diesem Grund ertrug er schmerzhafte Behandlungen ohne Narkose, aus
diesem Grund mußte die Chemotherapie sehr
gezielt eingesetzt werden. Wer dieses Konzert erlebt hat, wird
es nie vergessen. 250.000 Menschen waren gekommen um ihren "Josep" - so
heißt José auf katalanisch - zu feiern. Und er wollte
am liebsten jedem Einzelnen "Danke" sagen. Dafür, daß man ihm
tausende Briefe geschrieben hatte, tausende Menschen in den
Kirchen für seine Genesung beteten. "Diese Prozedur, die ich
durchgemacht habe, bei der man unendlich viel Zeit hat,
nachzudenken, diese Prozedur hat dazu geführt, daß die
Vorstellung von Gott bei mir größer geworden ist."
Millionen für Charity
Da stand er nun unter dem Triumphbogen, klein, noch immer
sehr zerbrechlich - und doch auch wieder stark. Der Aufschrei
der Menge fegte wie eine Riesenwelle über ihn hinweg. Nur eine
Handbewegung von ihm - und es war ganz still. Er sagte nur:
Gracias - und fing an zu singen. Bis zur Erschöpfung, als er mit
letzter Kraft die Arie "Nessun dorma" und das weltbekannte
"Vincerò, vincerò!" - ich werde siegen - sang. Er hatte gesiegt.
An diesem Tag war ihm klar, daß er anderen Menschen helfen
wollt, ja mußte. José Carreras gründete die "José Carreras Leukämiehilfe".
José Carreras gibt seither Charity-Konzerte, sammelt Spenden
und in Deutschland läuft jedes Jahr vor Weinachten die "José
Carreras-Gala" mit riesigem Erfolg. 2001 wurden über 12 Millionen Mark
gespendet! "Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich
darüber bin", sagt Carreras, "anderen zu helfen ist ja mittlerweile
meine wichtigste Aufgabe geworden."
Der "Tenor der Menschlichkeit" besucht regelmäßig Spitäler mit
Leukämieabteilungen, gibt den Kranken Mut - und geht voran als Symbol
der Hoffnung. "Wenn ich es schaffen konnte, kannst Du
es auch". Eines Tages, sagt er, könne er sich vorstellen, ganz für
die Leukämiehilfe da zu sein. "Das ist mein wichtigstes Anliegen,
dafür bin ich bereit, meine ganze Kraft einzusetzen." José
Carreras gilt als geheilt, außer regelmäßigen Kontrollen hat er
keine wie immer geartete Behandlung. Auch bei ihm treten
natürlich Spätfolgen der Chemotherapie auf. Doch Carreras
spricht nicht darüber. Er lebt sehr diszipliniert und ist dankbar
dafür, singen zu können. Denn Singen ist sein Leben. Das merkt
auch das Publikum. Carreras gibt immer das Beste wozu er an
dem jeweiligen Abend in der Lage ist. Was er erreichen will,
beschreibt er so: "Wäre ich im Publikum, muß mich der Sänger
mit dem, was er singt, erreichen, in mir Empfindungen, Gefühle
aller Art wecken. Darum geht es. Also ist für mich als Tenor der
logische Weg: Herz, Hirn, Stimme. Anders gesagt, das Herz
diktiert mir sozusagen, was ich ausdrücken will. Es gibt den
Zuhörern alles, aber auch wirklich alles, was in mir drinnen ist.
Vom Herzen kommende Gefühle müssen der Motor sein, sonst
nichts. Dann erst tritt das Hirn in Aktion, die Technik. Der gesamte
Vorgang läßt sich für mich am ehesten mit den Worten zusammen fassen:
Singen mit der Seele."
Hoffnungsträger
Seit seiner Genesung gab es viele Ehrungen, Auszeichnungen,
Ehrendoktorwürden, Orden - worauf aber José Carreras besonders stolz
ist, ist die Tatsache, daß viele Leukämiekliniken seinen
Namen tragen. In München, Berlin, Leipzig, Barcelona, um nur
einige zu nennen. Als er kürzlich im Rahmen einer umjubelten
Deutschland-Tournee in München die "José Carreras Tagesklinik
eröffnete, stellte er sich in einem Gespräch Kranken und deren
Angehörigen. An diesem Nachmittag begriff ich, welche Leitfigur,
welch Hoffnungsträger dieser Mann ist. Er ist nicht pathetisch,
ihm ist das Helden- oder Gurugehabe fremd. Hier ist ein Mensch,
der weiß, was es heißt, Leid zu ertragen. Der aber auch die
Message aussendet: Es gibt immer Hoffnung - du mußt nur
daran glauben!
Der Erfolg der "3 Tenöre" kam ebenfalls durch Carreras
zustande. Anläßlich der Fußball-WM in Rom regte er an, ein
Wohltätigkeitskonzert zu machen. Seine Kollegen Luciano
Pavarotti und Plácido Domingo stimmten zu - die "3 Tenöre"
waren geboren. Ein Welterfolg. Ausverkaufte Stadien und Plätze,
45 Millionen verkaufter CDs. "Ich stehe hundertprozent zu
diesen Auftritten", betont Carreras. "Wir haben damit Milliarden
von Menschen auf diese, unsere geliebte Musik aufmerksam
gemacht."
"Sly" wurde ein großer Erfolg
Neben den Konzerten in aller Welt, nahm sich Carreras in letzter
Zeit auch kaum gespielter Werke an. "Sly" von Ermanno Wolf-Ferrari
verhalf er beispielsweise zum Durchbruch. Die Live-CD von einer
Aufführung am Liceo in Barcelona avancierte zu einem der
bestverkauftesten Klassik-Alben des Jahres. Dazu hat er mit
Crossover-Einspielungen wie "Passion" oder "Around the World"
weltweiten Erfolg. So wurde allein von "Passion" mehr als eine
Million CDs verkauft. In der heutigen Zeit ein gewaltiger Erfolg.
Zuletzt nahm der Startenor mit dem Ensemble Wien eine CD mit Liedern
auf, die er auch in Salzburg im Großen Festspielhaus
singen wird.
Carreras verehrt Karajan
Die Rückkehr nach Salzburg bedeutet ihm sehr viel. Herbert von Karajan
war seine "Lichtfigur". "Für mich war er der größte
Dirigent, mit dem ich je gearbeitet habe. Er hatte magische
Kräfte. Er trug uns Sänger förmlich auf Händen durch den Abend. Seine
Ausstrahlung, seine Aura waren atemberaubend. Unbeschreiblich. Wenn
ich das Festspielhaus betreten werde -
denke ich zuallererst an Herbert von Karajan. Und ich werde
nach oben schauen - und ihn ersuchen, mich heute abend
"imaginär" zu begleiten..."
1988, Wiener Staatsoper. Die Rückkehr des José Carreras an
sein Lieblingsopernhaus, zu seinem geliebten Publikum. Mehr als 25.000
Kartenwünsche lagen vor - bei einem Fassungsvermögen
von 2200 Menschen. "Nach einer so langen Zwangspause an einen
Ort zurückzukehren, an dem man mehr als hundertmal aufgetreten
ist, an dem man große Erfolge gefeiert hat, das ist ein
unvergleichliches, emotionsgeladenes Erlebnis. Man fühlt schon
nach dem ersten Schritt auf der Buhne, daß sich etwas Außergewöhnliches
ereignen wird. Das Publikum spürt es auch,
und diese Wechselwirkung ergibt schließlich das, was man
einen großen Abend nennt. "Danke José, Danke", riefen die Leute,
"Wir lieben Dich" - und ich gab Zugabe um Zugabe. Ich war
total erschöpft, aber überglücklich...! Es machte mir nicht
einmal etwas aus, daß mich Langschläfer am Morgen nach dem Konzert das
Klingeln des Telefons vorzeitig aus dem Bett holte.
Das sage ich natürlich nicht nur, weil der Anrufer Herbert von
Karajan war, der die TV-Übertragung gesehen hatte und mir gratulierte..."
Womit sich der Kreis Richtung Salzburg und Karajan schließt.
Zu José Carreras' Konzert im Großen Festspielhaus, wo er einst
mit Karajan Triumphe feierte..
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